Rede von Frau Reichstein – Stiftung „Taubblind leben“

Taubblinde in Isolationshaft

Das Motto klingt hart, aber es trifft die Lebenswirklichkeit sehr gut. Wer weder hören noch sehen kann, hat massive Nachteile. Jeder Weg, jedes Gespräch, jeder Kontakt wird zum Problem. Ein taublinder Mensch kommt alleine nicht zum Supermarkt, nicht zum Amt oder zum Arzt und käme er hin, so könnte er weder mit der Kassiererin, noch mit der Beamtin oder der Ärztin sprechen. Mobilität und Kommunikation erfordern qualifizierte Assistenz. Die ist in unserem Land nicht vorgesehen.

Für die meisten taubblinden Menschen gibt es keine Assistenz. Das Tor zur Welt ist für sie verschlossen. Sie bleiben zwangsweise zu Hause. Isolation und Abhängigkeit sind die Folge. Oft landen sie in ungeeigneten Einrichtungen. Warm, satt und trocken aber eben nicht selbstbestimmt und aktiv. Kommunikation geht verloren, das Umfeld ist überfordert, in vielen Familien wie auch in Einrichtungen. Teilhabe gibt es nicht mehr. Das nennen wir dann „Isolationshaft“.In unserem Grundgesetz steht in Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Würde des Menschen drückt sich wesentlich in selbstbestimmten Handeln aus. Die Lebenssituation vieler taubblinder Menschen verstößt gegen geltendes Recht, Menschenrechte werden verletzt. Umfangreiche Dokumentationen liegen vor. Das Deutsche Institut für Menschenrechte hat 2011 auf die besonders schwierige („vulnerable“) Lebenssituation taubblinder Menschen ausdrücklich hingewiesen. Bereits vor knapp 10 Jahren hat das Europäische Parlament alle Mitgliedsstaaten, darunter auch Deutschland, klar aufgefordert, die Rechte taubblinder Menschen anzuerkennen und ihnen Geltung zu verschaffen. Im November 2012 gab es endlich einen einstimmigen Beschluss auf der Konferenz der Arbeits- und Sozialminister: Taubblindheit soll ein eigenes Merkzeichen bekommen. Ein erster Schritt in die richtige Richtung. Trotzdem ist bis heute Taubblindheit weder klar anerkannt noch in unseren Sozialgesetzbüchern verankert. Sie existiert nicht.

Taubblinde Menschen haben es deshalb extrem schwer, ihren Bedarf darzulegen und durchzusetzen. Bei den Leistungsträgern sind Unverständnis und Ablehnung leider „normal“. Assistenzkosten werden nur sehr selten übernommen. Geeignete Beratungsstellen gibt es faktisch nicht. Ein Betroffener sagte kürzlich im hessischen Sozialministerium: „Ich stelle immer wieder fest, mich gibt es einfach nicht.“

Taubblinde Menschen werden nicht wahrgenommen, sie bleiben unsichtbar. Ihre Rechte werden nicht anerkannt.

Ich frage: Gilt das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit (Artikel 2 unseres Grundgesetzes) für taubblinde Menschen nicht? Wie soll ein taubblinder Mensch sich ohne angemessene Unterstützung entfalten können? Die Benachteiligung durch die doppelte Sinnesbehinderung ist gravierend. Wurde sie übersehen, wurden die Darlegungen und die vielen Resolutionen der Vereine und Verbände in den letzten Jahrzehnten einfach überhört? Sind Entscheidungsträger und Verantwortliche taub und blind den Taubblinden gegenüber? Wie lange will sich unsere Gesellschaft noch ihrer Verantwortung entziehen und wann wird sie endlich handeln?

Es ist gut, dass taubblinde Menschen hier und heute für ihre Rechte demonstrieren! Und es ist großartig, dass es so viele Menschen geschafft haben, herzukommen. Dies ist weltweit die erste Demonstration taubblinder Menschen und eine ganz besondere Leistung. Mit Recht stellen sie hier Forderungen! Ich danke allen, besonders aber auch den vielen Teilnehmerm aus dem Ausland für Ihre Unterstützung!

  • Wir fordern, dass der tägliche Verstoß gegen die Grundrechte und die UN-Konvention zu den Rechten von Menschen mit Behinderung schnellstens abgestellt wird.
  • Wir fordern, dass Taubblindheit endlich anerkannt und mit einem Merkzeichen belegt wird, damit taubblinde Menschen ihren Bedarf dokumentieren können und damit dieser Bedarf Eingang in die Köpfe der Leistungsträger findet.
  • Wir fordern qualifizierte Assistenz und das Recht auf Rehabilitationsleistungen als Nachteilsausgleich.
  • Wir fordern Unterstützungsstrukturen.

Ein gutes und aktives Leben mit Taubblindheit ist möglich, Teilhabe und Selbstbestimmtheit können gelingen, wenn Assistenz und Unterstützung gegeben sind. Viele der Anwesenden hier sind der Beweis dafür!

„Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ So steht es im Grundgesetz. Das ist ein Versprechen. Wir werden uns als Stiftung weiter für die Einlösung dieses Versprechens einsetzen!

Irmgard Reichstein
Stiftung taubblind leben

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